Wachstum als Lebensprinzip?

Veröffentlicht: Mai 17, 2011 in anticapitalism. anticonsumerism., sin banderas sin fronteras, yanaqumir

Hannah Hüdepohl

Oft musste ich während des Lesens ungläubig schmunzeln über den fehlenden Realitätsbezug des Individuums in Raum und Zeit. Wie selbstverständlich all die Dinge hingenommen werden, die vor drei Generationen noch gar nicht denkbar waren. Schaue ich mir Fotos von Städten am Anfang des 20. Jahrhunderts an, frage ich mich immer, was mir dort so fremd erscheint? Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Es gab mehr Platz auf den Straßen, weil die parkenden Autos fehlten!

Widersprüche des Wachstumsgedankens zeigen sich in allen Regionen der Welt, sei es durch leer stehende Hotelburgen an der spanischen Küste, den Transport von Hühnerbeinen aus Deutschland nach Kamerun oder die langwierigen Versuche das Loch im Golf von Mexiko zu stopfen. Der/Die BürgerIn kommt nicht umhin diese Nachrichten wahrzunehmen und geht dennoch Kaffee mit einem Schuss Karamellsirup trinken. Ist der intensive Geschmack einer sanft gerösteten Kaffeebohne nicht gut genug?

Auch ich kann mich diesem normierten Ablauf nicht entziehen. Ich studiere, wie die Gesellschaft es mir als Akademiker-Kind vorgibt, und probiere darauf zu achten, die Regelstudienzeit nicht zu sehr zu überziehen, gehe ins Ausland mit dem Hintergedanken, dass Auslandserfahrungen im Lebenslauf heute fast Pflicht sind, und bringe den genügenden Selbstzwang auf, um dies alles zu bewältigen. Ist jeder Mensch ehrlich zu sich, wird er/sie ähnliche Motive für sein Handeln finden. „Die Mentalität des  niemals fertigen, eines immer wachsenden Menschen“, bestimmt auch meine Lebensplanung. Ich kann mir nicht vorstellen, einmal etwas gefunden zu haben, dass ich bis zu meinem Lebensabend machen möchte. Meine Realität als Bewohnerin der westlichen Welt bietet mir ein breites Spektrum an theoretischen und praktischen Fähigkeiten, die ich erlernen kann und ich nutze dieses Angebot natürlich, so wie viele Menschen in meiner Umgebung. An dem Wachstum der persönlichen Fähigkeiten habe ich auch grundsätzlich nichts auszusetzen. Die erlernten Fähigkeiten bleiben mir, sollte ich alles andere verlieren. Wo ist also der Haken an der Internalisierung des Wachstumsgedankens?

Auch wenn für mich die Erweiterung meiner Fähigkeiten positiv scheint, so ist die Kehrseite das wachsende Bedürfnis nach Rohstoffen. Für viele Tätigkeiten im heutigen Alltag, über die allgemein Erfahrungsreichtum definiert wird, ist ein hohes Energieniveau unerlässlich. Motorcross, saunen, Urlaub, feiern, Fallschirmspringen… diese Liste ließe sich beliebig weiterführen. Um diese freizeitlichen Tätigkeiten ausführen zu können, werden Energie und Konsumgüter benötigt und vor allen Dingen immer mehr davon! Die Art der persönlichen Entwicklung braucht das ständige Wachstum der Möglichkeiten der zu konsumierenden Güter und deren technische Optimierung. Die Grundfunktion eines Gegenstandes ist heute nicht mehr ausreichend und die technischen Entwicklungsabteilungen der Forschung erzeugen ständig neuen Bedarf durch Innovation und Variation. So wird der Gewinn an Lebenserfahrung oft auf die materielle Ebene degradiert und ist eng mit dem wirtschaftlichen Wachstum verbunden. Wir als Konsumenten werden nicht satt und lassen uns durch das große Angebot verleiten. Das hohe Maß an materiellem Besitz und die Vielfalt der Entfaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft lasten auf dem menschlichen Gemüt. So viele Menschen wie nie zuvor irren orientierungslos herum. Wie viele junge Menschen waren schon mit psychischen Erkrankungen in Therapie? Der Blick aufs Wesentliche ist verschwommen. Die Reizüberflutung beginnt im Supermarkt und führt sich in allen Lebensbereichen fort. Wir könnten dieser Spirale weiter folgen, wären da nicht die Rohstoffknappheit, die begrenzte Schadstoffaufnahmekapazität der Umwelt und die Milliarden Menschen, die unter unserem Lebensstil hungern. Die Unverhältnismäßigkeiten unseres Systems werden von vielen jungen Menschen an einzelnen Fallbeispielen erkannt; der Gesamtkontext bleibt jedoch meist unangetastet. Wie soll der Durchschnittsmensch (ich schließe mich hier mit ein) die Komplexität der Wechselwirkungen auch verstehen? Und das auch noch, wenn die negativen Auswirkungen im Westen nur subtil spürbar sind und nicht direkt erfahren werden, sondern Geschichten aus den Nachrichten bleiben. Den eigenen Lebensstil mit dem Leiden vieler anderer Menschen direkt in Verbindung zu bringen, ist eine Herausforderung, die Reflexion und Einsicht erfordert. Die größeren Zusammenhänge dahinter zu begreifen ist beunruhigend und flößt Angst ein. An diesem Punkt blocken viele Menschen spätestens ab, weil sie erahnen, dass weiteres Hinterfragen ihr gesamtes Lebenskonzept über Bord werfen würde und begnügen sich damit, ab und zu mal eine Bio-Milch fürs gute Gewissen zu kaufen. Der große Fehler an dieser Reaktion liegt darin, dass die zukünftigen Veränderungen aufgrund der gegebenen Herausforderungen meistens mit Verzicht in Verbindung gebracht werden. Stattdessen sollten wir uns fragen auf was wir, indem wir den Systemparametern folgen, alles verzichten: Lebenszeit, Ruhe, Gesundheit, Genügsamkeit, Anerkennung und Gemeinschaft?

Meine Generation darf die vorgegebenen Umstände nicht weiterführen, wenn die Menschheit überleben will. Wir müssen die Bedürfnisse des Menschen überdenken. Warum sollten es dieselben sein, wie die der vorigen Generationen? Vor dem Hintergrund der äußeren Systemgrenzen kann sich jede/r folgende Fragen stellen:

Was macht mich glücklich? Wie will ich leben? Was liegt in meiner Entscheidungsfreiheit? Wie sind meine Bedürfnisse und welche definiere ich nur vermeintlich als meine, weil sie mir von der Gesellschaft so vorgelebt werden? Was brauche ich wirklich? Was möchte ich erlernen? Welche Fähigkeiten sind sinnvoll? Welche Werte möchte ich vertreten?

Keine einfachen Fragen vor allen Dingen mit dem Gedanken, dass viele der Gewohnheiten in westlichen Industrieländern nicht  überlebensfähig sind, da wir uns zu weit von den Grundlagen des Lebens entfernt haben. An den jüngsten Protestbewegungen gegen Stuttgart 21, Atomkraft und die Naziblockaden zeigt sich die steigende Bereitschaft gegen bestimmte Auswirkungen des Wachstumsglaubens zu demonstrieren. Durch das große bürgerliche Interesse entstehen neue Kollektiv-Erlebnisse in der Gesellschaft. Die Menschen fühlen sich verbunden, gemeinschaftliches Miteinander wird geübt und viele Menschen schaffen neue Plattformen zum Austausch über Ideen, Träume und Kritik. Das so geschaffene Zugehörigkeitsgefühl überwindet kurzzeitig die Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber der Wirtschaft und Politik. Das darunterliegende Problem, die Art des Wirtschaftens, wird kaum thematisiert. Zwar wird in studentischen und intellektuellen Kreisen am Kapitalismus Kritik geübt, doch wird dies von der Öffentlichkeit allzu oft als radikal abgestempelt. Die negative Konnotation der Radikalität behindert die intensive Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Kapitalismuskritik. Hier sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass radikal von dem lateinischen Wort radix stammt, und übersetzt so viel wie „etwas an der Wurzel packen“ bedeutet. Und genau das ist die Aufgabe meiner Generation.

Um diese Aufgabe zu bewältigen brauchen wir neue gemeinschaftliche Visionen und Träume, die uns  Möglichkeiten der Identifikation jenseits des materiellen Wachstums aufzeigen. Die Ansätze können, wie immer in einer individualisierten Gesellschaft, vielfältig sein. Ich zum Beispiel träume von einer autofreien Stadt, in der die Straßen aufgebrochen wurden und statt stinkenden und lauten Fahrzeugen, Fahrräder zwischen Obstbäumen und Beerensträuchern passieren. Ich träume von einer Welt in der Kindererziehung als Aufgabe der Gemeinschaft angesehen wird und die Menschen nur noch halbtags arbeiten, um mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen zu haben.

Wir sollten positiv in die Zukunft schauen, auch wenn es vermeintlich schwer erscheint. Sich ins Bewusstsein rufen, dass die kommenden Veränderungen nicht nur materiellen Verlust bedeuten müssen, sondern auch einen Gewinn an mentaler Lebensqualität beinhalten können.

Hannah Hüdepohl ist Studentin der Umweltingenieurwissenschaften in Kassel, um die “technischen Errungenschaften”, die unsere Lebensgrundlage zerstören, näher kennenzulernen und Alternativen zu finden. Während ihrer  Freiwilligenarbeit in Bolivien, wurde ihr endgültig klar, dass es für das Überleben der Menschheit unabdingbar ist, die Lebensweise zu verändern.

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