‚Nationalistischer Taumel‘ während/nach „der Wende“

Veröffentlicht: Januar 16, 2012 in anticapitalism. anticonsumerism., antifa, medienkritik, stop control

Auszüge aus dem junge welt artikel Nationalistischer Taumel:

Ein Redner höhnt, man habe eine Strafanzeige gegen Gysi in Gang gebracht und, man stelle sich das einmal vor, das Gericht habe mitgeteilt, »man wisse nicht, wo Herr Gysi wohnt«. Die Reaktion der Menge ist eine körperliche Bedrohung für den PDS-Vorsitzenden. Im Landtagswahlkampf im Oktober 1990 werden PDS-Veranstaltungen in der ehemaligen DDR regelmäßig von Neofaschisten aus Ost und West aufgemischt werden. Sie zetteln Schlägereien an, treten Linke mit ihren Stiefeln blutig und krankenhausreif. Ich werde vergeblich in bundesdeutschen Zeitungen nach Berichten über diese Übergriffe suchen. Jungnazis, die in dieser Nacht vom 5. auf den 6. März lernen, »Rote zu jagen«, skandieren vorzugsweise: »Wir haben nur ein Vaterland, nicht wie Willy Brandt.« Seit vor einigen Montagen eine antifaschistische Demonstrantin zusammengeschlagen wurde und schwerverletzt und blutend auf dem Platz liegen blieb, ist die Zahl der Gegendemonstranten sehr klein geworden. Wir erleben, wie gegen Ende der Kundgebung Jagd gemacht wird auf die kleine Gruppe von Jugendlichen am Brunnen. Die fliehen in die naheliegende Mensa. Weil sie heute voller Menschen ist, trauen sich die Rechtsradikalen nicht hinein. (…)

In einem Dorf irgendwo in der DDR lebte eine alte Frau, Herta Ritter. Sie war Kommunistin, in der Gemeinde für ihr soziales Engagement respektiert. Jetzt wird sie von früheren SED-Mitläufern angepöbelt. Steine fliegen in ihr Fenster. Sie sagt: »Es war alles umsonst« und nimmt sich mit Alkohol und Schlaftabletten am 10. Februar das Leben

Sie will die Wiedervereinigung nicht, und sie sagt: »Wir hätten das auch allein geschafft! Wir hätten die Regierung gestürzt, eine neue Regierung eingesetzt. Wir hätten die Grenzen für alle geöffnet und wären ein eigenes Land geblieben.«

……

Der »deutsche Sieg« bei der Fußballweltmeisterschaft in Rom im Juli 1990 ist genau das, was dieses besoffene Deutschland noch braucht. Neben Fußballfans zetteln Hooligans, Skinheads und Rechtsradikale in Bielefeld, Dortmund, Köln, Hamburg und Berlin Straßenschlachten an. In Köln wird ein Türke fast gelyncht. In anderen Städten werden sie »nur« gejagt und zusammengeschlagen. Überall Fahnenmeere, alkoholisierte Chöre, Böllerschüsse. »Deutsch-Land, Deutsch-Land«-Gekreisch und »Sieg-tak-tak-tak, Sieg-tak-tak-tak«. Warum nicht gleich »Sieg heil«? In der taz, die so viel Wert darauf legt, wenigstens in der originellen sprachlichen Verpackung dumpfen intellektuellen Mittelmaßes Vorreiter zu sein, leitartikelt Axel Kintziger am 10. Juli: »Auf deutschen Straßen und Plätzen ist wieder was los. (…) Und die Linke, die sich, weil außerhalb der Parlamente verharrend, seit über zwei Jahrzehnten die Straße angeeignet hatte, ist konsterniert. (…) Diese Fragen (…) verstellen eine wesentliche Erkenntnis: Überwiegend junge Leute nehmen sich in Deutschland etwas heraus, was den freudetrunkenen Massen von Rom oder Buenos Aires niemals übel genommen worden ist. (Es folgen einige »mitreißende« Beispiele aus weiteren Ländern; J.D.) Die Massen haben sich von dem vereinsamten Besäufnis vor dem heimischen Fern­seher verabschiedet, sie ziehen in den öffentlichen Raum und freuen sich kollektiv. (…) Vielleicht vergessen sie dabei Auschwitz. Aber sie bereiten keine Neuauflage von Auschwitz vor.« Haben die Massen im Faschismus auf der Straße gestanden und KZs verlangt, haben sie Auschwitz in diesem Sinne vorbereitet, oder war es nicht vielmehr so, daß sie duldeten, applaudierten, wegsahen, denunzierten, profitierten und mitmordeten? (…)

Antje Vollmer war auch die erste, die im Bundestag »von der neuen Rolle Deutschlands als Weltmacht« sprach und davon, daß die Grünen dieser Weltmacht »das neue geistige Band« zu liefern hätten. Einer ihrer Berater, Udo Knapp (heute SPD-Funktionär auf Rügen; J.D.) schreibt am 11.8.1990 in der taz, daß eine neue internationale Weltpolizei, unter Beteiligung Deutschlands, notfalls auch mit militärischen Mitteln am Golf einschreiten müsse, und ein anderer Vollmer-Berater, Bernd Ulrich (heute Zeit-Redakteur; J.D.), empfiehlt in diesem Zusammenhang, endlich aus dem Schatten Hitlers hervorzutreten

17. Oktober 1990: (…) Eine der mächtigsten Kriegsverbrecherorganisationen aller Zeiten, die I.G. Farben beziehungsweise die als deren Verwalterin des Restvermögens fungierende »IG Farben in Abwicklung (i.A.)«, will für ihren Besitz im Osten mit 884 Millionen D-Mark entschädigt werden. Die Firma betrieb ein eigenes KZ bei Auschwitz, in dem 30000 Menschen starben, in allen Lagern und Betrieben der I.G. schätzungsweise 45000. Die Strafen für die Verantwortlichen in den Nürnberger Prozessen waren lächerlich gering. Die USA brauchten das ökonomische und politische Bündnis mit der BRD. Nach wenigen Jahren waren die meisten I.G.-Farben-Bosse, von den viele hohe SS-, SA- oder NSDAP-Funktionen innegehabt hatten, wieder in verantwortlichen Positionen: bei Bayer, Hoechst und BASF. Die Auflösungsfirma I.G. Farben i.A. löste sich nicht auf, sondern existierte weiter und legte nun wieder gewaltig zu. Die Ankündigung der Ansprüche im Osten ließ den Kurs der unheimlichen Firma in wenigen Tagen um rund 13 Prozent hochschnellen.

Ende Oktober 1990, fast ein Jahr nach dem Fall der Mauer, haben Polizisten in Leipzig auf Rechtsradikale geschossen und zwei in die Beine getroffen. Die hatten mit Steinen auf sie geworfen. Mit der BRD und der DDR stoßen offensichtlich zwei unterschiedliche staatliche Repressionszustände aufeinander. Der eine grobschlächtig brutal, plump in der Überwachung und Verletzung von demokratischen Rechten, der andere vielleicht noch brutaler, aber auf High-Tech-Niveau, modern, subtiler in seinen Methoden und zumindest so raffiniert, daß er seine Repressionsmethoden so handhabt, daß das nackte Gesicht der Repression sich immer nur einem Teil der Gesellschaft zeigt. Ist es nicht wirklich eine Leistung der herrschenden Meinung, die Diskussion über Monate vollständig auf die »DDR-Stasi« gelenkt zu haben? Forderungen wie die nach Abschaffung demokratiefeindlicher Einrichtungen wie dem Bundesnachrichtendienst (BND), Militärischen Abschirmdienst (MAD), Verfassungsschutz (VS), der CIA und etwa der US-Überwachungsorganisation NSA kommen in der öffentlichen Diskussion zur Zeit nicht vor. Ungestört kann die NSA z.B. sämtliche Telefongespräche in der BRD abhören und mit Hilfe von leistungsstarken Computern politisch auswerten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s