„Ich werde keinen Cent für meine Freiheit zahlen!“

Veröffentlicht: Januar 30, 2012 in fight white supremacy. fight racism., sin banderas sin fronteras

Aufruf zur Abschaffung der Residenzpflicht: „Ich werde keinen Cent für
meine Bewegungsfreiheit zahlen!“ – Von Miloud L. Cherif in Zella-Mehlis

Warum kontrollieren Sie nur mich?!!

Wir rufen zur Abschaffung der Residenzpflicht auf!
Abschaffung der Rassistischen Polizeikontrollen sofort!

Auch im Jahr 2012 sind rassistische Polizeikontrollen und -brutalität
ebenso  wie das Apartheid-Passgesetz, das als Residenzpflicht bekannt ist,
weiterhin der Magnet, mit dem Flüchtlinge in Deutschland in die Falle der
Kriminalität gezogen werden sollen. Überall in diesem Land, werden
diejenigen, die nicht die „richtige“ Hautfarbe haben oder „fremd“ aussehen
aus der Menge abgesondert; an Bushaltestellen, Bahnhöfen, in Zügen, auf
den Straßen etc. und werden von der Polizei aufgefordert, ihre Papiere zu
zeigen. Wir werden tagtäglich öffentlich diskriminiert, erniedrigt und
eingeladen zu einem Mahl von offenem Rassismus von Seiten der Polizei,
weil sie daran glauben, dass das Gesetz ihnen erlaubt, dies zu tun und
weil sie die Unterstützung der Öffentlichkeit dafür haben.

Gefragt, warum sie uns herauspicken und kontrollieren, bekommt man für
gewöhnlich von Seiten der Polizei zu hören: „Es ist unser Job, dich zu
kontrollieren“, „Wir haben das Recht, dich zu überprüfen“ und: „Wir suchen
Kriminelle, die das Gesetz gebrochen haben“. Und an dieser Stelle gibt es
einen kleinen Widerspruch. Falls du zufällig ein Flüchtling bist und du
keine Erlaubnis hast, dort zu sein, wo du kontrolliert wirst, werden sie
dir sagen: „Du wirst kontrolliert, weil du keine Erlaubnis hast, dich
außerhalb deines Landkreises aufzuhalten“. Dies sind die
Standardantworten, die wir bekommen, falls sie uns überhaupt antworten.
Denke daran: eine Frage zu stellen, ist in erster Linie eine offene
Einladung für sie, dich zu misshandeln, denn: Du darfst keine Fragen
stellen oder ihnen sagen, wie sie ihren großartigen Job erledigen sollen.

Doch das ist der Punkt, wenn du dich dafür interessierst, und das gilt
insbesondere der Polizei und der ignoranten Menge der Umstehenden, die
weiterhin rassistische Polizeikontrollen und -brutalität unterstützen: Die
Polizei behauptet jedes Mal, sie hätte das Recht uns zu kontrollieren, wie
jeden anderen auch. Und wir haben Situationen erlebt, in denen nette, gute
Bürger und patriotische Deutsche, bereitwillig und eifrig Hals über Kopf
herbeispringen, um die rassistische Polizeikontrolle zu unterstützen, denn
in ihren Augen ist eine Polizeikontrolle nichts Schlimmes. Aber die Frage
ist nicht, ob sie das Recht haben, uns zu kontrollieren. Die Frage ist:
Warum wird die Polizei immer nur die Schwarze oder die „nicht-weiße,
fremd-aussehende“ Person nach den Dokumenten fragen, während alle Weißen
drumherum nicht kontrolliert werden? Das ist der Grund, warum es sich um
eine rassistische Kontrolle handelt. Wenn die Polizei beweisen will, dass
wir im Unrecht sind –  andernfalls müssen sie uns Glauben schenken –
müssen sie uns etwas anderes vorführen und uns genauso wie alle anderen
behandeln. Und das heißt: Uns nicht aus der Menge herauszusortieren, weil
wir nicht „deutsch“ aussehen.

Für die Polizei ist es an der Zeit, damit aufzuhören, sich hinter dem
Gesetz zu verstecken und hinter ihrem vielgepriesenen Recht auf Kontrolle,
und die rassistischen Polizeikontrollen zu beenden. Wir haben diesen
institutionellen und gesellschaftlichen Rassismus mehr als satt und wir
rufen alle wohlgesonnenen Individuen und Gruppen auf, sich uns in
Solidarität anzuschließen und diesen unverhohlenen Rassismus zu
beseitigen.

Wie in den beiden kurzen Statements zweier unserer Aktivisten zu sehen
ist, sind wir entschlossen, unseren Kampf fortzusetzen. Wir machen damit
weiter, unser natürliches Recht auf Bewegungsfreiheit zu genießen und wir
werden uns nicht beugen – weder der Einschüchterung noch der
Ungerechtigkeit.

Warum kontrollieren Sie nur mich?!!

Statement von Miloud L. Cherif – The VOICE Refugee Forum, Zella-Mehlis

Am Freitag, den 13. Januar, kontrollierte mich die Kriminalpolizei
Heilbronn im Regionalexpress von Würzburg nach Stuttgart.  In Stuttgart
sollte ein von The VOICE organisierter Workshop stattfinden.

Unter allen Passagieren im Zugabteil kontrollierten die beiden
Zivilpolizisten nur MICH. Ich fragte Sie: „Warum kontrollieren sie mich
und nur mich?“ Die Polizisten beantworteten meine Frage nicht und
unmittelbar nach der Überprüfung meiner Identitätspapiere, wiesen sie mich
an, den Zug in Richtung ihrer Wache am nächsten Bahnhof zu verlassen. Als
der Zug anhielt, gingen wir zum Revier direkt neben dem Bahnhof. Während
wir gingen, lief einer der beiden Polizisten neben mir, der andere hinter
mir. Auf dem Weg dorthin behandelten sie mich und führten mich schadenfroh
vor wie einen gefährlichen Kriminellen, den sie beflissen vom Weglaufen
abhalten wollten.

Meine Frage lautet so: Sehe ich aus wie ein Verbrecher? Wird jeder, der in
Deutschland lebt und nicht „weiß“ ist, automatisch zum Kriminellen, weil
er oder sie nicht „weiß“ ist? Offensichtlich läuft so das System und
diejenigen, die es betreiben, wollen, dass jeder glaubt, dass Fremde und
insbesondere Flüchtlinge gefährliche Kriminelle sind. Aber das ist
RASSISMUS.

Sie brauchten nach meiner Festnahme eine ganze Stunde, bis sie mich
schließlich wieder frei ließen. Die ganze Zeit über hörte ich nicht auf,
zu fragen, warum sie mich kontrollierten und warum mich alleine. Ich bekam
keine Antworten. Am Ende fragte ich ihren „Chef“ und der antwortete mir
mit einem verschlagenen Lächeln: „Es war nicht ich, der dich kontrolliert
hat!“: Ein anderer Beamter fragte mich: „Weißt du nicht, dass du gegen das
Residenzpflicht-Gesetz verstoßen hast?“ „Doch, ich weiß“, sagte ich.
„Warum hast du es dann getan?“, fragte er. Ich antwortete, das Gesetz sei
rassistisch und respektiere mich nicht als Person. Weshalb sollte ich dann
das Gesetz respektieren? Er sagte, ich würde eine Strafe zu zahlen haben.
Ich antwortete: „Nur über meine Leiche. Ich werde niemals einen Cent für
meine Freiheit zahlen, würdest du es tun?“ Er war sprachlos. Er ging und
brachte mir einige Dokumente, die ich unterzeichnen sollte. Ich bat um
englische Fassungen. Er holte sie. Das erste Dokumente trug den Titel
„Informationen für Personen, die eines Vergehens verdächtigt werden, die
zum Zweck des Identitätsnachweises festgenommen wurden.“  (Rückübersetzung
aus dem Englischen, dort: ‘Information for persons suspected of an offence
that are apprehended to establish their Identity‘) Das Dokument sagt klar
aus, dass wir als eines Vergehens Verdächtige gesehen werden.

Aber lasst uns hier einen Moment lang innehalten und die zwei Polizisten,
die mich kontrollierten, fragen: „Welches Vergehen habe ich begangen? Ist
es die Farbe meiner Haut und meines Haares? Ist es, weil ich anders
aussehe als sie? Ich frage mich, wie ihre Antworten lauten würden. Aber
wie immer sie ausfallen würden: Ich fordere die Polizei heraus, mir eine
einzige schlüssige Antwort zu liefern auf die Frage, warum sie mich
kontrolliert haben, die nicht auf Rassismus basiert.

Ich sage es ihnen laut: Dies ist eine rassistische Kontrolle –
rassistische, rassistische, rassistische Kontrolle.

Stoppt die rassistischen Polizeikontrollen. Und ich wiederhole: Stoppt die
rassistischen Polizeikontrollen!

Ich werde keinen Cent für meine Bewegungsfreiheit zahlen, die
Ausländerbehörde soll ihre Briefmarken sparen und mir keine Briefe
schicken, denn ich werde KEINE Strafe bezahlen.

Und hier ist meine Botschaft an alle: Sagt der deutschen Polizei, dass ich
mich frei in Deutschland bewegen werden, wo immer ich will und ich werde
damit niemals aufhören. Bitte richtet ihnen aus, dass sie in all ihren
Polizeirevieren und Bahnhöfen meine Fotos aushängen sollen, denn schon
bald werde ich wieder vorbeikommen und mein natürliches Recht auf
Bewegungsfreiheit weiter genießen.

Rassistische Kontrollen stoppen! Residenzpflicht abschaffen!

Informationen zu den Polizisten, die mich kontrollierten:
PK Liedl und PHM Klos
Bundespolizeiinspektion Stuutgart
Bundespolizeirevier Heilbronn
Bahnhofstraße 30
74072 Heilbronn
Tel: 07131 888260-0. Fax: 07131 888260-48.

Unterstützt die Kampagne des Widerstands gegen die Festnahme/Verhaftung
Miloud L. Cherifs wegen der Residenzpflicht.
http://thevoiceforum.org/search/node/Miloud+Cherif

Zurück in Deutschland. Mein Geschenk zum Jahresende von der deutschen
Polizei. Von Sunny Omwenyeke

Zum Ende des Jahres 2011 brachte mir die deutsche Polizei ein
Jahresendgeschenk dar; eine Erinnerung daran, dass rassistische
Polizeikontrollen lebendig, wohlauf und gesund in Deutschland weiterleben.

Es war der 30. Dezember 2011, während eines Besuchs zurück in Deutschland,
zurück zu den Kontrollen wie üblich. Gerade vor Karlsruhe stiegen zwei
Polizisten in den Zug, in dem ich mit meiner Lebensgefährtin und meiner
sechsjährigen Tochter reiste. Da ihre Uniform mehr nach Beamten der
Zugsicherheit als nach Polizei aussah, erkannte ich sie nicht sofort, erst
dann, als meine Tochter, die neben ihrer Mutter auf einer eigenen Bank saß
und eine bessere Sicht hatte, zu ihrer Mutter sagte: „Polizei.“

Das war noch nicht ausgesprochen, da wandten sich die Polizisten an mich
und fragten nach meinem „Ausweis“. Ich sagte: „Was?“ Und sie antworteten,
dass sie mich kontrollieren wollten. Eine deutsche Frau, die mir gegenüber
saß, griff ein im Versuch, die Situationen nicht eskalieren zu lassen. Sie
sagte: „Vielleicht suchen sie jemanden, der so aussieht wie Sie!“, und
rieb dabei ihre Handfläche gegen ihren Arm, um darauf hinzuweisen, dass
sie auf meine Hautfarbe anspielte. Ich sagte ihnen, dass ich wüsste, dass
sie mich kontrollieren wollten, aber weshalb nur mich und nicht andere
Leute im Zug? Sie sagten, ich hätte ihnen nicht zu erklären, wie sie ihren
Job machen sollten und sie bräuchten mir gegenüber nicht nachzuweisen, was
sie zuvor gemacht hätten. Ich erklärte ihnen, wenn sie in den Zug kämen
und mich als Einzigen nach meinem Pass fragten, dass sei das Rassismus und
Diskriminierung und deshalb sei ich nicht bereit, ihn herzuzeigen. Und so
setzte sich die verfahrene Situation fort.

Hinter dem Sitz, wo mein Kind und seine Mutter saßen, hatte ein etwas
älterer Mann begonnen, die Aktion der Polizei zu unterstützen und meine
Lebensgefährtin hatte angefangen, mit ihm zu diskutieren. Ich forderte den
Mann auf, ruhig zu sein und wies ihn darauf hin, dass wir uns nicht im
Jahr 1938 oder 1943 befänden, sondern im Jahr 2011. So setzte sich das
Ganze fort.

Und dann mischte sich ein anderer etwas älterer Mann zur Unterstützung der
Polizei ein und sagte, dass ich diesen Aufruhr begonnen hätte und dass ich
meinen Ausweis zeigen sollte. Er zog seinen eigenen Ausweis heraus und
meinte, die Polizei könne ihn kontrollieren, und er wüsste nicht, warum es
für mich ein Problem sei, ihn zu zeigen. Ich wandte mich zu ihm und sagte,
natürlich würde er es nicht wissen, denn es fehlten ihm die Erfahrungen
der Flüchtlinge, der Schwarzen Menschen und der anderen, die nicht „weiß“
seien, die tagtäglich in Deutschland von der Polizei kontrolliert und
misshandelt würden. Doch ich forderte ihn auch auf, falls er Gefallen
daran habe, von der Polizei kontrolliert und misshandelt zu werden, könne
er sich ja gerne selbst der Polizei unterwerfen. Im Laufe der
Auseinandersetzung bezeichnete er mich als „Brownie“ und dann lud ich
Kraftausdrücke auf ihm ab. Wie man sich gut vorstellen kann, stand der
Ausdruck meiner Stimme im entsprechenden Verhältnis zu meiner Wut und
meinem Ärger. Nun drohten sie damit, dass sie mich mitnehmen würden, falls
die Situation so andauern sollte.

Zu diesem Zeitpunkt weinte meine Tochter, war ängstlich und panisch, dass
mir etwas passieren könnte; eine Situation, die mich veranlasste, der
Polizei meinen Ausweis zu zeigen. Und ich sagte ihnen, dass sie ihn nie
gesehen hätten, wenn es mir nicht um meine Tochter gegangen wäre. Dann
erklärte einer der Beamten meiner Lebensgefährtin, dass sie das Recht
hätten, das zu tun, und dass wir, falls wir nicht einverstanden seien,
politisch dagegen vorgehen sollten. Darauf erhielt er die Antwort:
„Selbstverständlich kämpfen wir politisch dagegen. Glauben Sie, wir würden
nicht dagegen kämpfen und hätten jetzt gerade damit angefangen?“

Deutschland – wird es sich jemals ändern? Nur die Zeit kann uns das sagen
– aber sie vergeht zu schnell!

Residenzpflicht: Sunny Omwenyeke is Free! Sunny aus dem Gefängnis
entlassen (dt/eng) http://thevoiceforum.org/fD-sunny
Englisches Archiv: Sunny Omwenyeke zur Residenzpflicht
http://thevoiceforum.org/node/2414

The VOICE Refugee Forum Jena:
Schillergäßchen 5 | 07745 Jena | thevoiceforum@gmx.de | thevoiceforum.org

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